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Erwin Leder, Carl Andersen 

 

Küß die Kamera!

2005, DV, Farbe und s/w, 75 Min.

Regie, Buch, Schnitt, Produktion: Lothar Lambert, Kamera: Albert Kittler, Lothar Lambert, Paul Edler von Krepl, Michael Sittner

Dokumentarfilm über Carl Andersen und Erwin Leder, Special Guests: Hilka Neuhof und Nilgün Taifun 

Allen Underground-Opfern vor und hinter der Kamera gewidmet

 

Kurzinhalt

Portrait zweier Wiener Künstler in Berlin: Des Filmemachers Carl Andersen, der auch in diversen Lambert-Filmen mitgespielt hat, und des Schauspielers Erwin Leder, bekannt geworden vor allem durch seine Mitwirkung in „Das Boot“.

 

Inhalt (ENTHÄLT SPOILER)

 

Lothar Lambert erinnert sich (2010)

Ich kannte Carl Andersen und Carl Andersen kannte Erwin Leder. Ich hatte Erwin natürlich auf der Bühne und in Filmen gesehen, aber noch nie mit ihm gedreht. Beide sind auf ihre Art Außenseiter: Carl ganz konsequent und Erwin so ein Wanderer zwischen den Welten. Einmal, als ich mit ihm drehen wollte, stand Albert Kittler bei mir zu Hause vor der Tür, und ich wartete in meinem Atelier auf ihn. Ich bin dann alleine zu Erwin, habe ihn in die Badewanne gesetzt und selbst die Kamera geführt. Das war sozusagen die Neuauflage des Interviews mit Nilgün Taifun in der Badewanne bei „So wahr ich liebe“. Wieder: der Interviewte und ich allein. Erwin ist ja auch sehr geständnisfreudig gewesen und hatte keine Bedenken, sich nackt zu zeigen. Er hat auch bei Carl schon sehr exzessive Parts gespielt. Was ich mit meiner analogen Videokamera gedreht hatte, haben wir dann schwarzweiß gemacht, auch wegen des Unterschieds in der Bildqualität gegenüber Alberts besserer digitaler Kamera, damit daraus ein Stilmittel wird. Womöglich sind ab und zu auch Aufnahmen mit der digitalen in Schwarzweiß erschienen, um ein ausgewogenes Verhältnis zu den Farbbildern hinzukriegen. Wir haben ja nicht alles mit zwei Kameras gedreht, sondern mal war die eine im Einsatz, mal die andere. Ausnahmen bildeten nur wenige Szenen, wo es eine Funktion hatte, mit zwei Kameras zu arbeiten: Wenn man den anderen mit der Kamera in Aktion sieht. Aber es geht mir nicht darum, daß man etwas zur Sicherheit aus zwei Winkeln aufnimmt oder so. Wenn ich Regie führe, möchte ich keine Kamera in der Hand haben, da habe ich ja noch weniger Überblick. Es war schon anstrengend genug, bei „Aus dem Tagebuch eines Sex-Moppels“ wieder alles beim Dreh alleine zu machen.

In einer Szene beschwert sich Carl, ich würde ihn nicht ausreden lassen. Ich bin eben, als Berliner, ein bißchen schneller als ein Wiener. Und ich denk mal, er denkt, ich nehme ihn nicht so ganz ernst, und vielleicht hat er da nicht unrecht. Ich nehme ihn jedenfalls nicht so ernst wie er sich selber. Er kann auch über sich lachen, das ist ja das Schöne, aber er kann auch wütend werden, wenn man seine Kunst in Zweifel zieht. In „Made in Moabit“ ist ja ein ähnlicher Konflikt zu sehen, bei dem Gespräch mit Detlef Kuhlbrodt, das er immer so umständlich anfing, mit einem „Also“ oder irgend­welchen Füllseln. Viele Darsteller fangen oft mit „Ja“ oder „Also“ an. Meistens kann man das wegschneiden, aber nicht immer. Wenn mit „Also“ angefangen wird, ist das erste Wort, was wichtig ist, nicht so gut betont. Oder das „Also“ geht noch über in das Wort, das man braucht. Aber wir sind ja Kummer gewöhnt, Albert und ich, wir schum­meln dann beim Schnitt ein bißchen Atmo zwischen oder lassen ein Auto hupen, wenn das nicht so aneinander paßt. Und das Schöne an Video ist, daß man immer noch einen Take drehen kann. Was die Laienschauspieler natürlich nicht mögen, weil sie das Gefühl haben, sie sind schlecht. Die wissen ja nicht, daß man das auch mit Profis so machen muß. Und dann bin ich auch nicht der Vornehmste, wenn sie immer wieder denselben Fehler machen. Da fange ich dann auch schon an zu blöken: „So blöd kann doch keiner sein!“ Darum ist es ja so gut, daß wir am Ende eines Drehtags immer gemeinsam essen gehen. Da können sich dann die Spannungen abbauen und die Schauspieler sich wieder geliebt fühlen. Damit die private Freundschaft nicht darunter leidet. Aber ich glaube, die meisten wissen schon, daß mein Verhalten nur der Aufregung und meinem Engagement geschuldet ist und ich nicht wirklich denke, sie sind ganz mies. Außer­dem weiß ich aus meiner eigenen Erfahrung: Wenn man etwas spielt, spürt man sich ganz intensiv. Wenn man das dann auf der Leinwand sieht, ist man so oder so erstmal ent­täuscht. Selbst wenn’s eine Großaufnahme ist – nichts kann mit diesem Gefühl unter dem Scheinwerfer und der Aufregung vor der Kamera mithalten. Aber wenn die Darsteller denken, es war alles Mist, dann freuen sie sich um so mehr, wenn sie nach­her sehen, wie’s geschnitten ist und wie’s rüberkommt – daß es doch toll ist und intensiv. Ich will nicht sagen, daß ich deswegen bei den Dreharbei­ten laut werde, aber das ist der positive Nebeneffekt. Albert flüstert mir immer zu: „Hör doch auf, du demoralisierst die Leute!“ Aber ich kann in dem Moment nicht anders, und dann hat’s auch noch einen guten Effekt für den Film.

Die Sequenz mit Magy da Silva, die jetzt als Bonusmaterial auf der DVD von „Küß die Kamera!“ ist, habe ich nicht verwendet, weil sie erstens zu lang war und zweitens das Gewicht des Films zu sehr zu Carl hin verschoben hätte. Wahrscheinlich hatte ich ihm von Magy vorgeschwärmt, die beiden haben sich getroffen, und dann hat sie ihm abgesagt. Er war voller Wut darüber und Magy ihm gegenüber ängstlich – auch davor, was mit einer Zusammenarbeit verbunden sein könnte. Es war sowieso das Problem, daß ich Carl besser und intensiver kannte als Erwin. Ich hab auch ein bißchen Angst gehabt, mit Erwin zu drehen, weil er mir impulsiv vorkam. Ich konnte ihn nicht einschätzen. Er hatte zwar sehr deutlich zum Ausdruck gebracht, daß er gerne mal mit mir arbeiten würde, aber trotzdem können Leute, die sowas sagen, nachher unheimlich schwierig sein. Er war auch nicht die ganze Zeit in Berlin, insofern war das mit Carl natürlich eine einfachere Nummer. Ich hab Nilgün Taifun und Hilka Neuhof in den Film aufgenommen, die über Carl und Erwin reden, um zu zeigen, was Außenstehende über sie sagen: Zwei Frauen, die schon bei Carl gedreht haben, und die Erwin Leder als Schauspieler kennen. Zwei Männer allein kamen mir ein bißchen öde vor.

Der Kritiker der „Berliner Zeitung“ hat „Küß die Kamera!“ die Geschichte einer Freund­schaft unter Filmschaffenden genannt und mich dabei einbezogen, obwohl ich mich ja ziemlich rausgehalten hab als Person. Aber der hat das eben so empfunden, daß der Film nur durch diese Nähe so gemacht werden konnte. Das verstehe ich natürlich als Kompliment, daß zwar jeder über Carl Andersen und über Erwin Leder einen Film machen kann, aber keiner so wie ich, weil es mit dieser persönlichen Sicht verbunden ist. Das scheint ja, wenn man den Reaktionen glauben kann, auf alle mei­ne Dokumentarfilme zuzutreffen: Daß sie einen individuellen Blickwinkel haben oder daß die Zuneigung zu den Personen deutlich wird. Im konventionellen Dokumentar­film wird ja häufig jeder Hinweis auf die Existenz des Regisseurs getilgt. Ich dagegen versuche gerade, spüren zu lassen, daß der Film eine ganz, ganz persön­liche Angelegenheit ist, fast wie ein Home Movie. Und stellenweise sein eigenes Making of. Auch um bewußt zu machen: Dokumentarfilm ist nicht unbedingt Realität.


Kritische Anmerkungen